Nina Petri über Ausstrahlung, Präsenz und Stimmkraft

Nina Petri über Ausstrahlung, Präsenz und Stimmkraft

Neulich traf ich bei einem privaten Hamburger Literaturabend die Schauspielerin Nina Petri.
http://www.ninapetri.de/
Alle Teilnehmer des Abends hatten die Möglichkeit etwas vorzutragen. Nina präsentierte eine Passage aus einem Ein-Personen-Stück, mit dem sie im Herbst in Hamburg auf der Bühne stehen wird. Sobald sie zu sprechen begann, hatte sie eine unglaublich raumfüllende Präsenz, die sofort zu spüren war. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft und ihre Stimme war so einnehmend, dass ich das Gefühl hatte, sie kommt nicht nur in meinem Ohr an, sondern durchdringt meinen ganzen Körper.
Dieser Auftritt hat mich so beeindruckt, dass ich sie bat mit mir über die Themen Lampenfieber, Präsenz und Strahlkraft zu sprechen. Im Interview verrät sie uns ihre besten Tipps:

B.P.: Nina, wann hast du Lampenfieber?
N.P.: Ich habe vor jedem Auftritt Lampenfieber. Es ist zwar schwächer, wenn ich in einer vertrauten Umgebung arbeite, also die Leute schon kenne. Aber im Wesentlichen habe ich in jeder vollkommen neuen Situation wieder Lampenfieber.

B.P: Was ist Lampenfieber für Dich und woran merkst Du, dass du es hast?
N.P.: Lampenfieber entsteht, weil ich natürlich das Beste von mir erwarte und möchte, dass es gelingt. Gleichzeitig ist da immer auch die Angst zu versagen, es eben nicht gut zu machen. Oder auch die Angst sich zu versprechen. Lampenfieber hat für mich zwei Aspekte: Es versetzt mich in eine höhere Spannung, die ja auch erforderlich ist, denn es findet eine Energiebündelung statt. Auf der anderen Seite wirkt eben diese Angst und es kommt mir manchmal vor großen Auftritten vor, als ginge ich zum Schafott. Es ist ein Gefühl, als ginge es um Leben oder Tod. Dennoch: Auch wenn das erst mal unangenehm klingt, gibt es für mich nichts Reizvolleres. 
Lampenfieber ist also Ok. Es darf nur nicht so stark werden, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Ich muss das Gefühl haben, mich zusammen halten zu können.

B.P.: Es geht also nie ganz weg. Was tust Du denn, damit es wenigstens etwas besser wird?
N.P.: In erster Linie bin ich natürlich sehr gut vorbereitet. Ich weiß dann: Ich kann das! Wenn ich z.B. am Abend eine Vorstellung habe, bin ich schon tagsüber in einer gewissen Grundspannung und innerlich auf den Auftritt ausgerichtet. Auch wenn ich als alleinerziehende Mutter natürlich noch andere Dinge zu tun habe, versuche ich etwas für mich zu sein, um mich innerlich einzustimmen.
Ich mache dann Sprechübungen, damit die Stimme sich aufwärmt und stelle mir dabei vor, dass ich meine Energie nehme und überall hin sende, wo sie gebraucht wird.

B.P.: Kannst Du uns ein Beispiel für eine solche Übung nennen?
N.P.: Um die Aufregung zu mindern, atme ich z.B. tief ein und mit einem hörbaren Seufzer aus. Es muss wirklich ein hörbares Seufzen sein, ein „Haaaaaaaaaaa….“, damit sich die Spannung löst. Tiefe Atmung ist sowieso ganz wichtig. Außerdem mache ich Brummtöne, die die Stimme streicheln. Ein „mmhhhh“, bei dem die Lippen vibrieren. Ich stelle mir dabei vor, dass das Vibrieren das ganze Gesicht erfasst und der Ton sich im ganzen Gesicht verteilt. Diese Übung verstärkt die Wirkung der Stimme. Es ist gut, das Zwerchfell zu trainieren und ein besseres Körperbewusstsein zu entwickeln. Ich empfehle jedem, der seine Stimmkraft verstärken möchte, zumindest einmal einen Wochenendkurs zu besuchen. Denn es gibt sehr viele tolle Übungen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann.

B.P.: Was machst Du, wenn Dich doch einmal die Zweifel packen?
N.P.: Ich versuche damit offensiv umzugehen. Es kann z.B. vorkommen, dass ich mich bei einer Hörbuchaufnahme verspreche. Dann kann mitunter ein innerer Film starten: „Oh Gott, bist Du schlecht heute…..“ usw. Es macht dann keinen Sinn, diesen inneren Kampf zu verstecken, auch nicht vor sich selbst.
Jede Art von Vertuschungsversuch macht ihn stärker. Ich gestehe mir dann zu: „Hey, du bist gerade in eine Falle getappt.“ In solchen Momenten mache ich dann eine Pause oder sage sogar, was los ist. Das hilft mir dann, mich wieder zu sammeln.

B.P.: Viele Menschen, die im Berufsleben präsentieren, scheinen in diesen Momenten innerlich zu verschwinden. Sie tauchen irgendwie ab, scheuen den echten Kontakt mit dem Publikum und sprechen scheinbar nur zu sich selbst. Was kannst Du ihnen empfehlen?
N.P.: Ich finde es wichtig, schon vorher in eine Art Sendungsbewusstsein zu treten. Es muss ein Bewusstsein sein von „Ich sende gleich etwas und das, was ich sende, ist für die anderen bestimmt.“

B.P.: Das klingt stark! Was kannst Du noch empfehlen, um etwa die Ausstrahlung und die Präsenz zu erhöhen?
N.P.: Viele glauben, Ausstrahlung sei etwas, das mit dem Kopf zu tun hat. Es ist aber etwas anderes. Wer die Ausstrahlung verstärken möchte, kann sich in einer Art meditativen Haltung eine warme Sonne in der Mitte der Brust, im Solar Plexus, vorstellen. Wenn man sie sich so lange vorstellt bis sie wirklich strahlt, dann wirkt diese Strahlung auch auf das Publikum. Man kann sich sogar vorstellen, dass dieses Strahlen den ganzen Raum erleuchtet.

B.P.: Gibt es noch etwas, das du empfehlen kannst?
N.P.: Ich finde es wichtig, sich vorher mit der eigenen Wirkung auseinander zu setzen und sich zu fragen: Was will ich von mir zeigen? Und was nicht? Wie möchte ich wirken? Wie würde ich gerne sein? Wie würde ich gerne aussehen?Es ist auch gut, sich genau zu überlegen, was man anzieht.
Kleidung ist zum einen Schutz und zum anderen ein Kommunikationsmittel. Meinen privaten Lieblingsrock würde ich z.B. nicht bei einer öffentlichen Lesung anziehen. Ich habe Kleidungsstücke, die nur für Auftritte bestimmt sind. Das sind dann auch Kleider, in denen ich mich wirklich wohl fühle. Kleider, die zwar toll sind, aber zu eng oder schicke Schuhe, die drücken, sind z.B. für jede Art von Auftritt völlig ungeeignet.

B.P. : Hast Du noch irgendeinen Hinweis aus Deiner Sicht, der Menschen helfen kann, sich auf Präsentationen oder auch Verhandlungen vorzubereiten?
N.P.: Machen Sie alles, was Ihnen den Auftritt leichter macht. Meinetwegen drucken Sie sich ihre Notizen in 40-iger Schrift aus, damit Sie sie besser lesen können. Außerdem können Sie sich auch vorstellen in eine Rolle zu schlüpfen. Eine Rolle gibt auch Schutz, so dass man selbst ein bisschen dahinter verschwinden kann. Ich bin z.B. privat eher schüchtern, dennoch kann ich sehr starke und offensive Frauen spielen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.Wenn Sie z.B. ein Vorbild haben, können Sie einfach mal in die Haut  des Vorbilds oder Chefs schlüpfen und diese Kraft mit in den Auftritt nehmen.
B.P.: Liebe Nina, vielen Dank für die tollen Tipps und das Gespräch!

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