Der Nocebo-Effekt und wie Sie ihn als Arzt austricksen können

Sie kennen natürlich den Placebo-Effekt.

In Medikamentenstudien werden Teilnehmern von Kontrollgruppen immer wieder sogenannte Placebo-Präparate verabreicht, also Medikamente, die gar keine Wirkstoffe enthalten. Diese Placebos können oft eine erstaunlich hohe Wirksamkeit entfalten. Durch die Erwartung ein heilsames Medikament verabreicht zu bekommen, haben Probanden etwa weniger Schmerzen oder erfahren andere heilsame Wirkungen wie die Linderung ihrer Symptome. Bekannt ist  z.B. eine englische Studie, bei der an den Probanden einer Kontrollgruppe sogenannte Placebo-Knie-Operationen durchgeführt wurden, also Operationen, bei denen den Patienten eine OP nur vorgegaukelt wurde) Das Ergebnis der Studie war verblüffend: Beide Gruppen – sowohl die echt-operierten, als auch die Scheinoperierten entwickelten sich bezogen auf das Schmerzlevel und die Funktionsfähigkeit gleich. Mit anderen Worten: Es ist im Ergebnis egal, ob Sie bei Knieschmerzen wirklich operiert werden oder nur glauben operiert worden zu sein!

 

Aber kennen Sie auch den Nocebo-Effekt?

Im Jahr 2007 wollte sich ein junger Amerikaner das Leben nehmen, weil er unter Liebeskummer litt. Er schluckte 29 Kapseln eines Antidepressivums, woraufhin sein Blutdruck dramatisch absackte und er in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Im Krankenhaus stellten die Ärzte jedoch fest, dass der Mann Proband in einer Medikamentenstudie war und zu jener Hälfte der Patienten gehörte, die nur ein Scheinmedikament und kein Antidepressivum erhalten hatte. Als er erfuhr, dass er statt eines echten Medikaments nur Placebos geschluckt hatte, verschwanden sämtliche Symptome schlagartig.

Der Fall, der im Fachblatt „General Hospital Psychiatry“ publiziert wurde, gilt inzwischen als Paradebeispiel für den Nocebo-Effekt (lateinisch: ich werde schaden). Er ist der böse und weniger bekannte kleine Bruder des Placebo-Effekts: Allein negative Erwartungen und Gedanken können Symptome hervorrufen, womöglich sogar krank machen und tödlich sein. Dieser Effekt tritt etwa auch auf, wenn Ärzte Fehldiagnosen stellen oder Teilnehmer an Medikamentenstudien von Nebenwirkungen berichten, die sie gar nicht haben können, weil sie zu der der Placebo-Vergleichsgruppe gehören.

Prof. Dr. Ulrike Bingel forscht zu den Themen Placebo- und Nocebo-Effekte seit geraumer Zeit an der Uniklinik in Essen.
Die Ergebnisse sind vielfältig und zeigen vor allem, dass Ärzte den Wirkeffekt von Medikamenten positiv beeinflussen können, indem sie heilungsorientiert kommunizieren.
Oder sie bewirken das Gegenteil: Durch unbedachte Kommunikation können sie Schmerzerwartungen erhöhen oder unerwünschte Nebenwirkungen erzeugen, wenn sie etwa zu nachdrücklich auf Nebenwirkungen hinweisen.

Was heißt das für die ärztliche Kommunikation?

Nach wie vor herscht in der westlichen Welt die kulturelle Übereinkunft, dass die Übergabe eines Rezeptes oder Medikaments durch einen Arzt im weißen Kittel ein Heilungsritual ist – also ein Moment, in dem ein Heilungsimpuls gesetzt werden kann.
Diesen Impuls setzt ein Arzt sowieso, ob er sich dessen nun bewusst ist oder nicht.
Unbewusste Ärzte sagen dann vielleicht heilungsmindernde Sätze wie: “Es kann sein, dass Ihnen davon übel wird” , “Bei einigen Patienten erzeugt das Medikament Kopfschmerzen” oder “Das Medikament kenne ich noch nicht so gut, mal sehen wie es wirkt.”
Stattdessen wäre es sinnvoller den Selbstheilungsimpuls im Patienten zu verstärken durch Sätze wie:

  • “Mit diesem Medikament habe ich sehr gute Erfahrugen gemacht.”
  • “Vielen meiner Patienten ging es schon kurz nach der Einnahme besser.”
  • “Sie werden sehen: Schon Morgen fühlen Sie sich besser”
  • “Nehmen Sie dieses Medikament und Ihre Kopfschmerzen hören auf!”
  • “Achten Sie ´mal darauf, woran Sie nach der Medikamenteneinnahme als erstes merken, dass es Ihnen schon besser geht und erzählen Sie es mir gerne, wenn Sie wieder kommen.” Durch diesen Satz lenken Sie die Wahrnehmung auf das Heilungsgeschehen und weg von den Beschwerden.

Auch die Verknüpfung mit heilenden Berührungen kann sinnvoll sein. Z.B. so:
“Sie werden sehen: Schon Morgen FÜHLEN (hier legen Sie die Hand auf den Arm des Patienten) Sie sich besser.
Was hier passiert ist eine Verknüpfung des Wortes “Fühlen” mit dem Gefühl, das der Patient hat, sobald die Hand des Arztes auf seinem Arm liegt. Das Bewusstsein weiß in diesem Moment nicht, welches “Fühlen” gemeint ist. Durch diese kurze Verwirrung kann die Suggestion “Morgen fühlen Sie sich besser” tiefer wirken.

Heilsame Kommunikation mit Kindern

In der Kommunikation mit Kindern wirken Suggestionen noch besser. Der Placebo-Effekt wirkt bei Kindern so gut, dass Schmerzmittel im Vergleich mit Placebos nicht besser abschneiden. Besonders kleinen Kindern kann man den Schmerz “wegpusten” oder “wegwischen”. Eltern können z.B. diese Methoden anwenden:

  • Legen Sie ihre Hand auf die schmerzende Stelle. Dann sagen Sie: “Meine Hand ist übrigens eine magische Hand. Die Hand kann Schmerzen aufnehmen. Schick einfach Deinen Schmerz in meine Hand hinein und keine Sorge: Der Schmerz wird nicht bei mir landen.” Zwischendurch schütteln Sie die Hand immer wieder aus, so dass das Kind sieht, dass der Schmerz “abgeschüttelt” wird und sich dann tatsächlich in Luft auflöst. Sie können das Kind auch immer wieder fragen: “Merkst Du schon, wie sich der Schmerz verringert?”

Der imaginäre Schmerzhahn. Legen Sie ihre Hand auf die schmerzende Stelle und sagen Sie dem Kind: “Da, wo jetzt meine Hand ist,  ist jetzt eine Art Wasserhahn, den ich nach links und nach rechts drehen kann. Wenn ich ihn nach rechts drehe, wird der Schmerz ein kleines bisschen stärker. Ein wenig nach rechts drehen und fragen “Merkst du es schon” – (So erfährt das Kind den Einfluss des Schmerzhahns) Wenn ich nach links drehe, wird er schwächer…..und jetzt drehe ich den Schmerzhahn zu! Und sag´mir mal Bescheid, wenn Du keinen Schmerz mehr spürst.”

Auch die Erwartungen der Ärzte haben einen Einfluss auf die Heilungserfolge bei ihren Patienten.  Die ärztliche Heilkunst ist vor allem auch Beziehungsarbeit mit dem Patienten. Einige Patienten merken schon an der Art wie der Arzt den Raum betritt und am Klang seiner Stimme, ob der Arzt eine gute oder schlechte Nachricht zu verkünden hat. Patienten sind häufig in einer emotionalen Ausnahmesituation und entsprechend sensibel.

Darauf kann ein Arzt in der Kommunikation mit Patienten achten.

  • Das wichtigste ist die innere Haltung. Schlichte Handlungsanweisungen wie: Seien Sie zugewandt und freundlich, finden Sie positive Worte und verabschieden Sie Ihre Patienten mit einem Lächeln und einem Genesungswunsch, genügen überhaupt nicht und können sogar mehr Schaden anrichten als pure Ignoranz.
    Patienten haben nämlich ein sehr gutes Empfinden dafür, ob der Arzt nur so tut, als wäre er empathisch und mitfühlend oder ob er es wirklich ist. So tun als ob hingegen erzeugt nur ein Abziehbild echter unmittelbarer Begegnung! Es bleibt ein leeres, unerfülltes Gefühl zurück und das Empfinden nicht wirklich “gesehen” worden zu sein.
    Echte Empathie hingegen ist niemals routiniert, sondern im Gegenteil immer wieder frisch, neu und gebiert sich von Moment zu Moment in der unmittelbaren Kommunikation und im Kontakt von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz.
  • Echte Empathie ist also eine innere Haltung, die gepflegt werden muss. Im Idealfall beeinhaltet es ein bewusstes Einschwingen auf den Patienten.
    Im psychotherapeutischen Bereich gibt es verschiedene Studien, die die Wirksamkeit von Meditations- und Achtsamkeitsübungen der Therapeuten belegt. So erfahren Patienten, deren Therapeuten eine Meditations- oder Achtsamkeitspraxis pflegen, die therapeutischen Sitzungen als intensiver.
    Die Patienten solcher Therapeuten erleben in den Sitzungen  insgesamt signifikant mehr Wertschätzung, Empathie, Verbundenheit, Gelassenheit und Akzeptanz.
    Außerdem konnte eine deutliche Symptomverbesserung  im Vergleich zur Kontrollgruppe festgestellt werden.
    Was für Therapeuten gilt, kann sicher auch für Ärzte gelten. Je mehr sie fähig sind, echte und authentische Zuwendung aus einer Haltung der Achtsamkeit zu geben, desto eher können sie heilsam auf die Patienten einwirken.
  • Ich selbst habe mir vor jeder Sitzung mit meinen Klienten ein Ritual angewöhnt. Ich setze mich in meinen Behandlersessel, schließe die Augen und mache die Übung – das wertschätzende Herz – die ich in diesem Video beschreibe.
    Dabei atme ich 4-5 mal tief in der Vorstellung durch die Mitte der Brust ein und aus ein und aus bevor der nächste Patient/Klient kommt. Danach fasse ich einen wertschätzenden Gedanken über den nächsten Patienten.
    Die Übung ist kurz und kreiiert einen sehr schönen Verbundenheitsaspekt in der Beziehung zu dem Patienten.
    Diese Form der bewussten Atmung durch das “Herz” kann man auch immer mal wieder zwischendurch während der Sitzungen praktizieren. Obwohl dies für den Patienten “unsichtbar” ist, werden sowohl Sie selbst als auch der Patient einen angenehmen Unterschied wahrnehmen.
  • Letztlich ist die echte Herzenspräsenz nichts, das einem Bücherwissen entspringt. Die echte Verbindung aus diesem lebendigen Seinsraum heraus kann nur von Moment zu Moment gelebt werden. Immer wieder neu, frisch, lebendig aus einem Anfängergeist heraus. Das ist eine Qualität, die auch dafür sorgt, dass sie in ihrem Beruf mit Menschen – sei es als Arzt, Therapeut oder Pfleger nicht ausbrennen. Denn Sie bleiben mit einem Teil ihrer Aufmerksamkeit immer innerlich in Verbindung mit einer unerschöpflich sprudelnden Quelle des puren Lebendig-Seins.
  • Eine gute Nachricht habe ich noch für Sie: Schon allein das Wissen um den Nocebo-Effekt kann in Zukunft verhindern, dass Sie ihn unbewusst erzeugen. Denn schon bei der nächsten Begegnung mit Ihren Patienten werden Sie sich daran erinnern und achtsamer sein! Ach, das halten Sie für eine Suggestion? Stimmt! Und Sie werden sehen: Es wirkt!

 

 

 

2 Gedanken über “Der Nocebo-Effekt und wie Sie ihn als Arzt austricksen können

  1. Gretscher-Said, Katja

    Als jemand der Jahrzehnte auf einem großen Pferdehof Pferde und ihre Besitzer beobachtet, habe ich eine interessante Beobachtung gemacht: Menschen, deren gesamtes Denken in ihrer Freizeit nur um das Wohlergehen des Pferdes kreist, oft mittelalte Frauen ohne Familie oder Kinder haben oft überdurchschnittlich chronisch kranke Pferde. (Bei Hunden ist es m.E. ähnlich). Es trifft häufig auf Tierbesitzer zu, die eine bestimmte Grundtraurigkeit an den Tag legen, selten lachen, viel jammern und eine allgemeine Opferhaltung an den Tag legen. Die Haustiere “tun ihnen den Gefallen”, sind ständig krank und müssen gepflegt werden. Wenn ich die Körpersprache dieser Menschen beobachte, zeigen sie eine Art Übervorsicht und Erwartungshaltung, wenn sie ihr Tier besuchen, sie untersuchen es, fühlen nach Schwellungen und Pulsationen und haben eine tiefe Sorgenfalte auf der Stirn. Oft haben diese Menschen ein großes Wissen über den Körper des Tieres und die Möglichkeiten, dass etwas reißt, schwillt, bricht oder ‘rausspringt’. Viele Menschen, die lange mit Tieren zu tun haben, werden diese krankmachenden Einflüsse bestätigen.

    1. Birgit Beitrags Autor

      Vielen Dank für Ihren tollen Kommentar! Das ist wirklich ganz und gar erstaunlich. Kennen Sie die Geschichte vom “klugen Hans”? Ein Pferd, das Anfang des Jahrhunderts als Rechengenie bekannt wurde. Als man es untersuchte, stellte man fest, dass der kluge Hans einfach die Körpersprache eines jeden Menschen, der ihm Aufgaben gab, genauestens ablesen konnte. Pferde sind also unglaublich gute Kommunikatoren, ob in die eine oder in die andere Richtung.

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