Dabei sein ist alles – Wie Sie achtsamer durch ihren Alltag gehen

Eben mal eine Mail tippen, dabei telefonieren, dem Kollegen noch eine Kurzinfo rüberreichen, zwischendurch bei Twitter reinschauen und dabei gar nicht mehr wahrnehmen, dass sich Schultern und Nacken zunehmend verspannen… Nur allzu oft führt moderne Bürotätigkeit zu Konzentrationsmangel, Zerstreuung, Stress und eben auch körperlicher Anspannung. Ein erprobtes Gegengift ist Achtsamkeit. Damit ist nicht gemeint, dass Sie darauf achten, was Sie so alles tun, sondern vielmehr, was Sie gerade so tun.
Der Amerikaner und Molekularbiologe Jon Kabatt Zinn forscht seit 30 Jahren in seiner Anti-Stress-Klinik an der medizinischen Fakultät der Universität Massachusetts zu diesem Thema und kommt dabei mitunter zu viel beachteten Ergebnissen. Bei dem von ihm entwickelten Training MBSR (Mindfullness Based StressReduction) geht es darum, den Geist sanft und immer wieder in den jeweiligen Moment zu führen und so die Körperwahrnehmung zu schulen. Dabei soll insbesondere eine nichtwertende, beobachtende Geisteshaltung entwickelt werden, die in der Folge entspannter und gelassener machen soll. Konkret ausgedrückt: Sie tun weiter, was sie tun, aber ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit beobachtet, was Sie tun. Im Fokus liegt nicht mehr, aber auch nicht weniger als der jetzige Moment: Sitzen, wenn Sie sitzen; lesen, wenn Sie lesen; essen, wenn Sie essen.

Dass Achtsamkeit zu mehr psychischer Gesundheit führt, davon ist auch Ulrich Ott überzeugt, der sich seit Jahren mit dem Thema an der Universität Giessen befasst. Erst im vergangenen Herbst haben die beiden Marburger Studentinnen Ines Katharina Müller und Jessica Ziehen in ihrer Diplomarbeit eine Metanalyse von 588 vorhandenen Arbeiten zur Achtsamkeit angefertigt, darunter auch 45 Studien, die höchsten wissenschaftlichen Standards entsprachen. Das Ergebnis ihrer Arbeit lässt sich so zusammenfassen: Achtsamkeits- oder Meditationstraining macht Menschen signifikant psychisch stabiler und gesünder.
Eine australische Studie von Belinda Ivanovski und Gin Malhi wiederum zeigte, dass Achtsamkeitstraining insgesamt zu mehr Feingefühl, Konzentration und Offenheit führen kann. Und der Berliner Psychologe Willi Zeidler fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass Achtsamkeit sogar die Schreckhaftigkeit verändert. Achtsame Menschen reagieren demnach auf Stressreize physiologisch messbar weniger verspannt.
Um in den Genuss der Methode zu kommen, müssen Sie sich aber keine orangefarbene Kutte überwerfen und demnächst Mantren singend durch die Kantine laufen. Achtsamkeit bleibt letztlich unsichtbar und lässt sich jederzeit erlernen und praktizieren. Zum Beispiel jetzt.

Um eine Idee davon zu bekommen, folgen Sie mir einfach durch diesen Text:

  • Wahrscheinlich sitzen Sie gerade an ihrem Schreibtisch.
  • Während Sie hier sitzen, können Sie mit einem Teil Ihrer Aufmerksamkeit in Ihre rechte Hand gehen, die vielleicht gerade auf der Maus oder auf der Tastatur liegt
  • Bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit in Ihrer Hand bis Sie den Text zu Ende gelesen haben.
  • Gleichzeitig können Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit weiter durch ihren Körper wandern.
  • Sie können Ihre Schultern wahrnehmen.
  • Beobachten Sie mit einer wachen, nicht wertenden Haltung, wie es ihren Schultern gerade geht. Sie müssen nichts verändern, sondern nehmen Ihre Schultern nur wahr.
  • Dann wandern Sie zu ihrem Atem, der rhythmisch ein- und ausfließt und bleiben ein bisschen dabei.
  • Wenn Sie diesen Text lesen, sprechen Sie ihn vielleicht innerlich mit.Werden Sie sich dieser Aktivität ihres Geistes bewusst und beobachten Sie, wie eine Stimme in Ihrem Kopf den Text mitspricht.
  • Die Tatsache, dass Sie sich Ihres Denkprozesses bewusst werden, zeigt, dass ein Teil Ihres Bewusstseins diesen Prozess wertfrei betrachten kann. Das wars schon. Vorerst.

Wer das häufiger übt, nimmt eine stetig wachsende Gelassenheit wahr, weil er an seinen Gedanken weniger haftet. Ein Teil von Ihnen bleibt dann frei, still und ruhig, während Sie weiter tun, was Sie tun.

Und? Ist ihre rechte Hand noch da? Dass Sie das Gewahrsein wieder verlieren, ist übrigens ein Teil des Übungsweges. Es geht darum, sich nicht zu verurteilen, besser werden zu wollen oder einen bestimmten Zustand zu erreichen. Effizienzdruck erfahren Sie schließlich im Alltag schon genug. Bringen Sie sich einfach nur wieder sanft in den Moment zurück. Dasein ist kein Wettbewerb, allenfalls gilt das olympische Motto: Dabei sein ist alles.

 

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